Männer und Psychotherapie: Warum das Hilfesuchen schwerer fällt
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Psychische Belastungen betreffen Männer ebenso wie Frauen, doch im Blick auf die Inanspruchnahme professioneller Hilfe zeigt sich ein deutliches Gefälle. Während Frauen in den vergangenen Jahrzehnten in zunehmender Zahl und Selbstverständlichkeit psychotherapeutische Unterstützung suchen, tun Männer dies weit seltener. In Deutschland geben laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung etwa 37 Prozent der Frauen, aber nur knapp 19 Prozent der Männer an, schon einmal eine Psychotherapie in Anspruch genommen zu haben. Gleichzeitig liegen die Zahlen für Alkoholmissbrauch, Suchterkrankungen und vor allem Suizid bei Männern deutlich höher. Jedes Jahr sterben etwa dreimal so viele Männer wie Frauen durch Suizid. Die Diskrepanz ist so auffällig, dass man kaum von individuellen Zufällen sprechen kann – vielmehr handelt es sich um ein kulturelles Muster, das in tief verwurzelten gesellschaftlichen Normen, Rollenbildern und Selbstverständnissen wurzelt.
Ein wesentlicher Faktor liegt in der Art, wie Jungen und Männer sozialisiert werden. Schon früh wird vermittelt, dass Gefühle wie Trauer, Angst oder Unsicherheit nicht zum männlichen Selbstbild passen. Wer als Kind zu weinen beginnt, hört nicht selten Sätze wie „Stell dich nicht so an“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Damit wird die Botschaft vermittelt, dass Verwundbarkeit etwas Schwaches, Unangemessenes, ja Weibliches sei. Stärke, Härte und Durchhaltevermögen werden hingegen als männliche Tugenden gepriesen. Diese Zuschreibungen setzen sich im Erwachsenenalter fort und erzeugen eine Art inneren Widerspruch: Männer leiden zwar, fühlen sich aber gleichzeitig verpflichtet, ihre Probleme alleine zu bewältigen. Hilfe von außen anzunehmen bedeutet, das Bild des souveränen Einzelkämpfers zu durchbrechen – eine Vorstellung, die viele Männer als bedrohlich empfinden.
Hinzu kommt die Wirkung von Scham und Stigmatisierung. Psychische Erkrankungen gelten in vielen Lebenswelten, ob in der Arbeitswelt, im Sport oder in bestimmten kulturellen Milieus, noch immer als Makel. Wer als Mann zugibt, unter Depressionen oder Ängsten zu leiden, läuft Gefahr, nicht mehr als verlässlich oder stark wahrgenommen zu werden. Das führt zu einer doppelten Belastung: Einerseits kämpfen Männer mit den Symptomen ihrer Erkrankung, andererseits mit dem inneren Gefühl, nicht dem Ideal eines „richtigen Mannes“ zu entsprechen. Selbst wenn der Leidensdruck hoch ist, kann dieses Schamgefühl dazu führen, dass Betroffene lieber jahrelang stillhalten, statt sich an eine Therapeutin oder einen Therapeuten zu wenden. Nicht selten finden Männer erst dann den Weg in die Behandlung, wenn sie kurz vor einem Zusammenbruch stehen, eine Partnerschaft zerbricht oder der Arbeitsplatz in Gefahr ist.
Auch die Form, in der psychische Probleme erlebt werden, spielt eine Rolle. Während Frauen ihre Niedergeschlagenheit häufiger in Traurigkeit, Antriebslosigkeit oder Angst ausdrücken, zeigen Männer andere Symptome. Gereiztheit, Aggression, Zynismus oder auch körperliche Beschwerden stehen oft im Vordergrund. Diese „maskierte Depression“ wird sowohl von den Betroffenen selbst als auch von ihrem Umfeld häufig fehlinterpretiert. Statt die eigentliche psychische Not zu erkennen, werden die Symptome als Persönlichkeitszüge, als Stress oder als „schlechte Laune“ abgetan. Männer greifen zudem öfter zu kompensatorischen Verhaltensweisen – sie stürzen sich in Arbeit, treiben exzessiv Sport oder konsumieren Alkohol. All das verschiebt die Wahrnehmung des Problems nach außen und erschwert die Einsicht, dass eigentlich professionelle Hilfe notwendig wäre. Statistisch gesehen trinken Männer weltweit etwa doppelt so viel Alkohol wie Frauen – nicht selten in dem Versuch, seelische Belastungen zu betäuben.
Doch selbst wenn der Entschluss gefasst wird, sich Unterstützung zu suchen, stoßen viele Männer auf Barrieren. Die therapeutische Landschaft ist vielfach sprachlich und methodisch eher auf Frauen zugeschnitten. Der klassische Rahmen einer Gesprächstherapie, in dem Emotionen benannt, analysiert und ausführlich reflektiert werden, wirkt auf viele Männer fremd. Wer gelernt hat, Gefühle vor allem zu unterdrücken oder in Handlung umzusetzen, fühlt sich im Setting des intensiven Gesprächs schnell unwohl. Das erklärt, warum gerade körperorientierte Ansätze, lösungsorientierte Kurzzeittherapien oder Gruppenangebote, die mit sportlichen oder praktischen Tätigkeiten verbunden sind, von Männern oft leichter angenommen werden. Auch digitale oder anonyme Angebote können hier eine wichtige Brücke schlagen: Online-Beratung, Chatfunktionen oder Selbsttests senken die Schwelle, den ersten Schritt zu gehen, weil sie das Gesicht wahren lassen.
Die Folgen dieser Zurückhaltung sind gravierend. Je länger psychische Erkrankungen unbehandelt bleiben, desto stärker verfestigen sie sich. Aus einer vorübergehenden depressiven Episode kann eine chronische Depression werden, aus gelegentlicher Anspannung eine generalisierte Angststörung, aus belastungsbedingtem Alkoholkonsum eine handfeste Sucht. Nicht selten häufen sich Komorbiditäten: Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronische Schmerzen. Und am Ende der Kette steht in vielen Fällen der Suizid, dessen Häufigkeit bei Männern dramatisch hoch ist. Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass weltweit rund 75 Prozent aller Suizide von Männern begangen werden – ein erschütterndes Signal dafür, dass die bestehenden Hilfssysteme viele Männer schlicht nicht erreichen.
Will man diese Dynamik durchbrechen, genügt es nicht, nur auf individueller Ebene anzusetzen. Es braucht einen kulturellen Wandel, der neue Männlichkeitsbilder ermöglicht. Stärke darf nicht länger mit Unverletzlichkeit gleichgesetzt werden, sondern muss vielmehr als die Fähigkeit verstanden werden, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen – auch durch die Bereitschaft, Hilfe zu suchen. Prominente Männer, die öffentlich über ihre psychischen Krisen sprechen, können hier wichtige Vorbilder sein. Wenn Fußballprofis, Musiker oder Politiker berichten, dass sie eine Therapie gemacht haben, sinkt die Hemmschwelle für viele andere, diesen Schritt ebenfalls zu gehen.
Darüber hinaus muss das therapeutische Angebot gezielter auf Männer zugeschnitten werden. Sprachlich und methodisch orientierte Anpassungen können helfen, die Hürden zu senken. Viele Männer reagieren besser auf pragmatische, lösungsorientierte Vorgehensweisen als auf rein gefühlszentrierte Ansätze. Auch körperliche und erlebnisorientierte Methoden – ob Sporttherapie, Achtsamkeitstraining, Somatic Experiencing oder Outdoor-Gruppen – können Zugänge schaffen, die weniger bedrohlich wirken als das reine Gespräch.
Wichtig ist außerdem die frühzeitige Aufklärung. Schon in Schulen sollten Jungen ermutigt werden, ihre Gefühle nicht zu verdrängen, sondern differenziert auszudrücken. Je normaler es wird, dass auch ein Junge Angst, Trauer oder Unsicherheit benennen darf, desto leichter wird es für den späteren Mann, rechtzeitig Hilfe zu suchen. Auch im familiären und partnerschaftlichen Umfeld kann viel bewegt werden: Wenn Partnerinnen, Freunde oder Geschwister sensibel reagieren und nicht mit Unverständnis oder Abwertung, wächst die Chance, dass Männer die innere Barriere überwinden. Schließlich liegt eine gesellschaftliche Verantwortung auch bei Unternehmen, Krankenkassen und politischen Institutionen. Wenn betriebliche Gesundheitsprogramme psychische Unterstützung aktiv auch an Männer adressieren oder Präventionskampagnen gezielt die männliche Bevölkerung ansprechen, verändert sich mittelfristig das Klima, in dem Männer über ihre Probleme sprechen.
International betrachtet gibt es deutliche Unterschiede. In Skandinavien, wo ein offenerer Diskurs über Männlichkeit gepflegt wird und gendersensible Präventionsprogramme existieren, ist die Bereitschaft von Männern, Hilfe zu suchen, höher. In Japan hingegen wirkt die kulturelle Norm des „Gaman“ – Leiden still zu ertragen – besonders stark. Die Folge sind extrem niedrige Hilfesuchraten und zugleich eine hohe Suizidrate unter Männern. Solche Vergleiche machen deutlich, dass die Hemmung nicht naturgegeben ist, sondern kulturell geprägt und damit auch veränderbar.
Am Ende bleibt festzuhalten: Männer brauchen nicht weniger psychotherapeutische Unterstützung als Frauen – im Gegenteil, die hohen Raten von Sucht, Gewalt und Suizid zeigen, dass der Bedarf immens ist. Doch sie brauchen andere Zugänge. Sie benötigen eine Sprache, die nicht ausschließlich auf emotionale Offenheit setzt, sondern auch auf Handlung, Lösung und Pragmatik. Sie brauchen Vorbilder, die zeigen, dass Hilfe zu suchen kein Versagen, sondern ein Akt von Mut und Selbstverantwortung ist. Und sie brauchen eine Gesellschaft, die bereit ist, Männlichkeit neu zu denken – jenseits der alten Ideale von Härte und Unverwundbarkeit. Erst wenn es gelingt, diese Barrieren aufzubrechen, wird es mehr Männern möglich, rechtzeitig die Hilfe zu bekommen, die sie benötigen.